Gewerkschaftsarbeit betrifft nicht nur bezahlte Arbeit

Montag, 11.05.2020

Gewerkschaftsarbeit betrifft nicht nur bezahlte Arbeit

Bereits seit 100 Jahren setzt sich der Liechtensteinische ArbeitnehmerInnenverband (LANV) für die Anliegen der Arbeiter und (später) auch der Arbeiterinnen, der Angestellten und ganz grundsätzlich der erwerbstätigen Bevölkerung Liechtensteins ein.
 
Dabei hat sich der Orga­ni­sa­ti­ons­ge­gen­stand der einzigen liech­ten­stei­ni­schen Gewerk­schaft im Laufe der Jahre grund­sätz­lich verän­dert und wird sich auch in Zukunft weiterhin verän­dern. Waren es zu Beginn vorwie­gend Arbeiter aus dem Bauge­werbe, die in der benach­barten Schweiz das Gewerk­schafts- und Streik­wesen kennen­lernten und nach Liech­ten­stein brachten, und Arbeiter aus der Indus­trie, kamen später immer mehr Bran­chen hinzu, die durch den LANV orga­ni­siert wurden. Die Verbrei­te­rung der Orga­ni­sa­ti­ons­basis einer Gewerk­schaft bringt nicht nur Vorteile mit sich. Zwar können so mehr Menschen orga­ni­siert werden, es ist aber auch schwerer, ihre unter­schied­li­chen Inter­essen auf einen gemein­samen Nenner zu bringen. «Tritt­brett­fahrer» profi­tieren vom Vorhan­den­sein einer Gewerk­schaft, die arbeit­neh­mer­freund­li­chere Verträge und Gesetze aushan­delt, ohne dabei Mitglied der Orga­ni­sa­tion zu sein. Der zuneh­mende Struk­tur­wandel der Arbeit sowie das Wegfallen klas­si­scher gewerk­schafts­naher Bran­chen durch Auto­ma­ti­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung haben dazu geführt, dass der Nieder­gang der Gewerk­schaften von manchen bereits für beschlos­sene Sache ange­sehen wurde. Gleich­zeitig stehen Gewerk­schaften immer unter Druck: Ein allzu erfolg­rei­ches Einfor­dern ihrer Ziele kann ihre Exis­tenz und Daseins­be­rech­ti­gung infrage stellen. Denn geht es den Arbeit­nehmer/-innen (allzu) gut, werden die Rufe nach gewerk­schaft­li­chem Handeln leiser.
 

Die aktu­elle Corona-Krise zeigt jedoch exem­pla­risch, wie sehr eine Gesell­schaft auf Orga­ni­sa­tionen wie zum Beispiel Gewerk­schaften ange­wiesen ist. Dabei sind Erwerbs­er­satz­for­de­rungen von Eltern, welche derzeit ihre Kinder aufgrund von Schul­schlies­sungen und Wegfall der Betreuung durch Gross­el­tern selbst daheim betreuen und unter­richten müssen, nur die Spitze des Eisberges. Gerade in Krisen­zeiten müssen Bedürf­nisse und Anliegen gebün­delt werden, um so das klein­staat­liche System zu entlasten.

 

Ebenso wie sich der Orga­ni­sa­ti­ons­be­reich der Gewerk­schaften verän­dert, muss auch die Gewerk­schaft sich immer wieder wandeln und hinter­fragen, welche Bedürf­nisse und Anliegen vertreten werden und wofür sie sich einsetzt. Ihr Handeln darf nicht nur reaktiv, sondern sollte voraus­schauend und anti­zi­pie­rend sein. Dabei können und sollen auch Themen in den Fokus geraten, die nicht zur klas­si­schen Arbeit von Gewerk­schaften gehören. Beispiels­weise der Umgang mit unbe­zahlter Arbeit oder ganz grund­sätz­lich eine Loslö­sung der Exis­tenz­si­che­rung von Erwerbs­tä­tig­keit. Gewerk­schafts­ar­beit kann heute also nicht dort enden, wo die bezahlte Erwerbs­tä­tig­keit aufhört. Sie muss den ganzen Menschen im Sicht­feld haben und versu­chen, die Situa­tion der Arbeit­nehmer und Arbeit­neh­me­rinnen als Ganzes zu verbes­sern. 

 

In einem Klein­staat wie Liech­ten­stein mit nur einer einzigen Gewerk­schaft wiegt diese Verant­wor­tung beson­ders schwer. Um dieses Gewicht zu stemmen, braucht es, wie die letzten 100 Jahre zeigen, sehr viel Enga­ge­ment einzelner Persön­lich­keiten. Damit eine Gewerk­schaft aus einer reak­tiven Haltung in eine proak­tive Hand­lungs­weise wech­seln kann, reicht dieses Enga­ge­ment nicht aus. Es braucht auch ein klares Bekenntnis des Staates, der Wirt­schaft und der Gesell­schaft als Ganzes, dass eine gewerk­schaft­liche Orga­ni­sa­tion auch in einem Klein­staat wie Liech­ten­stein unver­zichtbar ist und entspre­chend wert­ge­schätzt werden sollte. 

 

Gast­kom­mentar von Dr. Linda Märk-Rohrer in der lie:zeit vom 10.05.2020. Dr. Linda Märk-Rohrer ist Forschungs­be­auf­tragte Politik am Liech­ten­stein-Institut.